Für gesunde Frauen mit gesunden, reifen Kindern (ab der Schwangerschaftswoche 37+0) und einer medizinisch unkomplizierten Schwangerschaft. Ich begleite lediglich Frauen, die bereits eine spontane Geburt in der Vergangenheit hatten, also ab dem zweiten Kind. Dies allerdings nur, da ich alleine bei der Hausgeburt tätig bin.
Vorteile:
Nachteile:
Im Idealfall lerne ich die Familie bereits sehr früh in der Schwangerschaft kennen. Wir haben dann genügend Zeit, um uns gut kennenzulernen. So bauen beide Seiten als Team eine Beziehung auf. Ja, wir sind ein Team und auch ich muss den Familien Vertrauen schenken. Denn es geht zum Beispiel darum, dass sie mir alles sagen, was sie bedrückt und was gut und schlecht läuft, dass sie mich frühzeitig anrufen, wenn es losgeht, damit ich meine privaten und beruflichen Termine anpassen kann.
Die Frau sagt mir aber auch, wenn ich mich dann endgültig auf den Weg machen soll. Wann es spätestens so weit ist, wurde ja in der Schwangerschaft besprochen.
Im Vorfeld gehen wir dann einen Wunschplan durch und besprechen ihn gut.
Auch ich habe einige Wünsche die abgeglichen werden müssen, zum Beispiel wünsche ich mir einen sauberen, warmen Geburtsraum.
Die Eltern bekommen einige Wochen vorher eine Checkliste, die abgearbeitet wird und zur Geburt dann abgeschlossen werden sollte (siehe meine Homepage unter Hausgeburt).
In den letzten Schwangerschaftswochen finden dann die Vorsorgeuntersuchungen bei den Familien zu Hause statt. Ja, Hebammen dürfen Vorsorge machen, auch Abstriche und Blut fürs Labor abnehmen. Ich trage dann alles im Mutterpass ein. Der Mutterpass gehört der Schwangeren, sie alleine entscheidet, wer etwas einträgt und wer Einblick bekommen darf.
Wenn mich die Familie/Frau dann kontaktiert weil es los geht, also bei regelmäßiger Wehentätigkeit, wünsche ich mir natürlich keinen Sturm, Nebel , Glatteis oder Schnee. Ich packe mein 25-kg-Päckchen zusammen (mit Notfallset) und fahre zur Familie, in der Hoffnung, dass die Checkliste zur Vorbereitung auf die Geburt abgearbeitet wurde und die Mutter bereits schön in der Wehenarbeit ist.
Am Geburtsort eingetroffen, nehme ich erst einmal nur die Geburtentasche mit rein.
Nachdem ich ein bis zwei Wehen erlebt habe, kann ich meistens beurteilen, ob es schnell geht oder das Baby noch etwas Zeit braucht. Dabei versuche ich die werdende Mama nicht bei ihrer Geburtsarbeit zu stören. Die vertrauten Bezugspersonen vor Ort (meist der werdende Vater) hole ich mir zur Hilfe.
Das Notfallequipment (zum Beispiel Infusionen, Absauger; Beatmungsbeutel) habe ich immer dabei, jedoch in den letzten Jahren so gut wie nie gebraucht.
Durchschnittlich ist nach vier bis sechs Stunden das Baby da. Im Idealfall kommt die Placenta von selbst. Dies kann bis zu einer Stunde dauern. In der Zeit hat das Bonding schon begonnen und das Kind wird gestillt. Ich halte mich sehr zurück. Trinke ein Kaffee und knabbere gerne Kekse und Dokumentiere. Hin und wieder gehe ich leise ins Geburtszimmer und schaue nach Mutter und Kind.
Manchmal müssen Geburtsverletzungen mit einer Betäubung versorgt werden. Die Mutter sagt mir, wann sie dafür bereit ist. Und in dem Moment, in dem das Kind trinkt, warm ist und die Familie glücklich sowie die Mutter etwas zu sich genommen hat, verlasse ich die Familie. Die Nachbetreuung wird dann in Kürze weitergeführt.
Eine Geburt ist mit einer Bergtour vergleichbar: Ich bin die Bergführerin und schaue nur, ob wir auf dem richtigen, geplanten Weg sind.
Ich erinnere mich noch gut an meine erste Hausgeburt. Das war 2002. Damals hatte ich im Geburtshaus bereits einige außerklinische Geburten betreut. Die Hausgeburt ist, wenn man es so sagen darf, die Königsdisziplin in der Geburtshilfe. Im Krankenhaus (ärztlich geleitet) spreche ich von Geburtsmedizin. Hebammengeleitete Kreißsäle beschreibe ich eher als Geburtshilfe. Eine Geburt zu Hause begleiten zu dürfen, ist auf jeden Fall ganz natürlich und reine Geburtshilfe. Als ich zu meiner ersten Hausgeburt gerufen wurde, war ich sicherlich aufgeregter als die Eltern. Angst hatte ich nicht. Denn mit Angst würde ich keine Geburten und auch keine Schwangeren begleiten.
Auf dem Weg zur Geburt betete ich ein oder zweimal das „Vater Unser“. Das beruhigte mich und gab mir Sicherheit. Heute mache ich auch noch zusätzlich Atemübungen. Es war damals das zweite Kind der Frau. Das erste Kind war auch bereits eine Hausgeburt. Ihre Hebamme war fast 80 Jahre alt und wollte keine Geburten mehr betreuen, so dass ich dies übernahm. Sie war dann aber noch für die Nachsorge da. Ich weiß noch, dass ich großen Respekt vor dieser ersten Hausgeburt hatte. Und dann war ich sehr erstaunt, wie selbstsicher diese Gebärende war und wie sie intuitiv genau das Richtige machte. Sie kniete am Boden, gestützt vom Partner, und war ganz bei sich. Trotz langer Endphase, kam ein super fittes Kind zum Vorschein. Ich war beeindruckt, wie die Eltern es hochnahmen, küssten und zusammen in ihr Familienbett kletterten. Sie hatten mich völlig ausgeblendet und ich gab mir Mühe, dass es so blieb. Es war damals und ist auch heute bei jeder Hausgeburt noch ein unbeschreibliches Gefühl.
Ich habe schöne, traurige, verrückte Erfahrung, die ich bei Hausgeburten gemacht haben.
Darüber könnte ich schon ein Buch schreiben…
Heftig war es einmal, damals im Geburtshaus, zum Beispiel, als ein werdender Vater in der Endphase der Geburt von einer Hornisse gestochen wurde. Wir wissen nicht, wie sie hineingekommen ist, aber hinter dem Geburtshaus lag ein Park und es war Hochsommer. In dem Moment, als das Baby kam, schrie der Mann lauter als die Frau. Wir wussten zunächst nicht warum. Dann sahen wir das Tier und scheuchten es behutsam mit Handtüchern hinaus. Im Geburtshaus hatten wir Doppelbetten und wir legten beide Eltern hinein: den Mann in seiner Schocklage und kühlten seine Hand. Die Frau wusste, dass wir uns kümmern und hatte nur Sinn für ihr Kind, denke ich. Da der Schmerz des Mannes schnell vergangen war, konnten wir alle im Nachhinein darüber lachen. Die Hornisse sicherlich nicht.
Ein anderes Beispiel erlebte ich erst vor Kurzem bei einer Hausgeburt: Als ich ankam, war der Geburtsraum stockdunkel. Behutsam fragte ich die werdende Mutter, ob ich vielleicht ein kleines Lämpchen anmachen dürfte. Nachdem ich das Licht anknipste, entdeckte ich in jeder Ecke ein Gesicht. Wir waren gar nicht allein, wie ich dachte, sondern Oma, Freundin und Schwester waren neben dem Partner auch noch anwesend. Das sah ein wenig so aus wie in so einem Gruselkabinett.
Ich hatte auch wirklich lustige und schöne Erlebnisse mit den Haustieren der Familien. Leider wurde ich auch einmal von einem Hund – allerdings ziemlich harmlos - gebissen. Tiere reagieren schon mal unberechenbar in einer Geburtssituation. Deswegen habe ich sie lieber erst anschließend dabei. Einmal hat sich aber auch ein kleiner Hund im Geburtsraum versteckt, der sich erst anschließend bemerkbar machte. Oder vor einigen Jahren pendelte ein werdender Vater zwischen Pferdestall und Geburtszimmer, weil das Fohlen des eigenen Pferdes am gleichen Tag geboren wurde, wie seine Tochter. Ich kann mich auch noch an einen Sittich erinnern, der die ganze Geburt über mittönte. Und sogar noch Tage später kamen Wehentöne aus ihm heraus. Hoffentlich hatte er kein Trauma.
Denkwürdige Momente liefern aber natürlich auch immer mal wieder die werdenden Väter: Ein Vater wünschte sich beispielsweise, dass ich jetzt sofort zur Frau gehe und er mein Auto in seine Garage fahren würde. Am nächsten Morgen, nach getaner Arbeit, sah ich, dass er es allerdings gegen die Wand gefahren hatte.
Und natürlich hat auch das Wetter immer mal wieder besondere Eindrücke bei der ein oder anderen Hausgeburt hinterlassen. So war ich beispielsweise auch bei Stürmen wie Kyrill zu einer Familie unterwegs und bei Blitzeis oder auch bei heftigem Schneefall. Natürlich habe ich vor solchen Wetterlagen immer wieder Respekt und hoffe, dass auf dem Weg zur Familie nichts passiert, schließlich warten sie auf mich. Aber ich denke in diesen Situationen dann immer: Zum Glück ist die werdende Mutter nicht unterwegs.
In all den Jahren hatte ich aber auch wunderschöne Erlebnisse mit Geschwisterkindern, überraschende Situationen mit werdenden Großeltern und auch lustige Momente mit den Nachbarn. Ich musste aber auch feststellen, dass leider nicht alle Menschen so cool und unbeschwert auf die Umstände während einer Geburt reagieren, wie die Geschwisterkinder in den Familien. Ob unsere Gesellschaft das wohl verlernt hat?
In diesem Artikel "Natürliche Geburt" aus der Zeitschrift Frau&Gesundheit (August 2016) erklärt Lucia Bald wie wichtig die Erfahrung für Mutter und Kind ist, die Geburt auf natürlichem Weg zu erfahren - ohne Spritze, ohne Skalpell.
